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Wie Jonas lernte, seine Hände ruhig sprechen zu lassen

Ein Teilnehmer, der bei Präsentationen nicht wusste, wohin mit den Armen, beschreibt seinen Weg zu einer ruhigen Haltung, zu bewusster Gestik und zu festem Blickkontakt.

Sabine Lührs · · 5 Minuten Lesezeit

Wie Jonas lernte, seine Hände ruhig sprechen zu lassen

Ein Teilnehmer und sein Problem

Jonas, Mitte dreißig, arbeitet als Projektleiter in einem Wuppertaler Unternehmen. Als er sich zu unserem Kurs meldete, schilderte er sein Anliegen sehr klar: Fachlich fühle er sich sicher, doch sobald er vor mehr als fünf Kollegen stehe, werde sein Körper zu einem Fremden. Die Hände verschwänden in den Taschen, tauchten plötzlich wieder auf und fuchtelten ohne erkennbaren Zusammenhang durch die Luft. Seine Vorgesetzte hatte ihm nach einer Präsentation gesagt, der Inhalt sei gut gewesen, aber er wirke angespannt.

Ich erzähle seine Geschichte mit seinem Einverständnis und unter seinem Vornamen. Sie zeigt gut, womit viele Berufstätige zu uns kommen: nicht mit einem Mangel an Wissen, sondern mit dem Gefühl, dass der Körper etwas anderes sagt als der Mund. Jonas wollte keine Rolle einstudieren. Er wollte verstehen, was sein Körper tut, und lernen, ihn bewusst einzusetzen, ohne gekünstelt zu wirken.

Die erste Videoaufnahme

In der ersten Sitzung bat ihn unsere Dozentin, sich zwei Minuten lang vorzustellen, ohne Vorbereitung. Wir nahmen das auf Video auf, wie bei allen Teilnehmenden. Jonas sah sich die Aufnahme zunächst nur widerwillig an. Dann fiel ihm etwas auf, das er selbst nie bemerkt hatte: Er verlagerte alle paar Sekunden sein Gewicht von einem Bein auf das andere und schaute dabei fast durchgehend auf einen Punkt knapp über den Köpfen der Zuhörer.

Diese Beobachtung war wertvoller als jeder Ratschlag. Wer sich selbst sieht, braucht keine Kritik von außen, um zu erkennen, wo etwas unruhig wirkt. Wir sprachen gemeinsam darüber, was das Bild vermittelt, und hielten drei Punkte fest, an denen er arbeiten wollte. Das Ziel war nicht Perfektion, sondern ein erster, überschaubarer Schritt, den er bis zur nächsten Sitzung üben konnte.

  • Standfestigkeit: beide Füße hüftbreit, Gewicht gleichmäßig verteilt
  • Blickkontakt: einzelne Personen kurz ansehen, statt über sie hinwegzuschauen
  • Hände: eine feste Ausgangsposition, aus der Gesten entstehen

Haltung beginnt bei den Füßen

Wir begannen mit dem Stand, weil alles Weitere darauf aufbaut. Jonas übte, mit beiden Füßen fest auf dem Boden zu stehen und das Gewicht leicht nach vorn zu verlagern, so, als wolle er jemanden freundlich begrüßen. Anfangs fühlte sich das für ihn steif an. Die Videoanalyse zeigte jedoch das Gegenteil: Er wirkte aufgeräumter und aufmerksamer, und seine Stimme klang dadurch ruhiger.

Eine Übung, die ihm besonders half, war ein kurzer Check vor dem Sprechen. Er spürt den Boden unter den Füßen, lässt die Schultern sinken und atmet einmal aus, bevor er den ersten Satz beginnt. Das dauert wenige Sekunden und ist für das Publikum unsichtbar. Für ihn war es ein Anker, der ihm half, aus dem Gedankenkarussell in den Moment zurückzufinden.

Gesten, die dem Gedanken folgen

Das Thema, das Jonas am meisten beschäftigte, waren seine Hände. Wir haben ihm nicht beigebracht, bestimmte Gesten auswendig zu zeigen. Stattdessen sollte er eine Ausgangsposition finden, etwa die Hände auf Höhe des Bauchs locker zusammen, aus der sich Bewegungen von selbst ergeben. Wenn er einen Gedanken entwickelte, durfte die Hand ihn begleiten. Wenn er fertig war, kehrten die Hände zurück.

Interessant war, wie schnell sich das Muster veränderte, sobald er nicht mehr gegen seine Hände ankämpfte. In der dritten Videoaufnahme sprach er über ein laufendes Projekt, und seine Gesten unterstrichen genau die Stellen, die ihm wichtig waren: eine Zahl, einen Vergleich, einen Übergang. Er selbst sagte beim Ansehen, das sei zum ersten Mal er und nicht eine Version von ihm, die versucht, nichts falsch zu machen.

Blickkontakt als Gespräch

Der Blick war der Punkt, an dem Jonas am längsten arbeitete. Über die Köpfe hinwegzuschauen schien ihm sicherer, weil niemand zurückschaute. Wir übten deshalb in kleinen Schritten: zuerst mit einer Person in der Gruppe, dann mit zweien, schließlich im Wechsel. Die Regel war einfach. Ein Gedanke, ein Blick. Man spricht einen Satz oder einen Sinnabschnitt zu einer Person und wechselt erst beim nächsten Gedanken.

Das hatte einen unerwarteten Nebeneffekt: Jonas redete langsamer. Weil er auf eine Reaktion wartete, und sei es nur ein Nicken, ergaben sich von selbst kleine Pausen. Das Publikum bekam Zeit, mitzudenken, und er selbst Zeit, den nächsten Satz zu ordnen. Aus einem Vortrag in Richtung Raum wurde ein Gespräch mit Menschen, auch wenn nur einer sprach.

  • Pro Gedanke eine Person ansehen
  • Kurze Pausen zulassen, bevor der Blick wechselt
  • Reaktionen wahrnehmen, ohne sie zu bewerten

Was sich nach einigen Wochen verändert hat

Nach den Wochen im Kurs hielt Jonas eine Präsentation vor seinem Team, die er später als die ruhigste seiner bisherigen Laufbahn beschrieb. Er war nicht frei von Nervosität, sagte er, aber sie bestimmte nicht mehr, was sein Körper tat. Er kannte nun seine Ausgangsposition, wusste, wohin mit den Händen, und konnte den Blick bewusst führen.

Realistisch betrachtet ist das kein Zustand, den man einmal erreicht und dann behält. Haltung und Gestik bleiben eine Übung, die sich im Alltag festigt, in Besprechungen, Telefonaten, kleinen Vorträgen. Jonas filmt sich deshalb gelegentlich selbst, wenn eine wichtige Präsentation ansteht, und schaut sich zwei Minuten davon an. Das genügt ihm, um bei sich zu bleiben. Seine Geschichte ist kein Versprechen, aber sie zeigt, was bei gezielter Übung möglich ist.

Jonas hat in seinem Kurs nichts Fremdes gelernt, sondern etwas Eigenes sichtbar gemacht. Die Videoanalyse zeigte ihm, was sein Körper tat, die Übungen gaben ihm Mittel, es zu verändern. Wer ähnlich empfindet, muss nicht gleich alles ändern: Ein ruhiger Stand, eine feste Ausgangsposition für die Hände und ein Blick pro Gedanken sind ein guter Anfang.

Geschrieben von

Sabine Lührs

Dozentin für Storytelling

Journalistin und Texterin, die zeigt, wie sich Inhalte klar und lebendig erzählen lassen.

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